Westsahara – Die vergessene Wüste

Montag, 08. August 2011

15.15 – 16.00 NDR
Von Wolfram Schiebener.

Blick auf die Granit-Inselberge von Leshouat. Bild: NDR/WDR/W. Schiebener

Wissenschaft unter gefährlichen Bedingungen: Mehr als 30 Jahre wütete in der Westsahara ein Krieg, der jede Reise in das riesige, unerforschte Wüstengebiet unmöglich machte. Noch heute ist die Westsahara Sperrgebiet.

Mehrere Millionen Minen machen jeden Schritt zu einem Risiko. Wegen der leidvollen Geschichte kann die Region als „vergessene Wüste“ bezeichnet werden. Sie ist schwer zugänglich, menschenleer, voller ungelöster Rätsel und bizarrer Orte, die es zu erforschen gilt.

Die ehemalige spanische Kolonie Westsahara zieht sich von der Grenze Marokkos knapp 800 Kilometer nach Süden. Seit 1975 ist der größere Teil der Westsahara von Marokko besetzt und mit einem 1.200 Kilometer langen verminten Wall abgeriegelt. Die Marokkaner schufen diese Verteidigungslinie mit Festungsanlagen und vielen Soldaten, um sich vor Angriffen der Unabhängigkeitsbewegung „Polisario“ zu schützen. Die ehemalige spanische Kolonie sollte 1975 in die Unabhängigkeit entlassen werden. Noch bevor die saharauische Bevölkerung in einem Volksentscheid über ihre Unabhängigkeit abstimmen konnte, marschierte die marokkanische Arme in die nördliche Westsahara ein.

Marokko annektierte zwei Drittel der Westsahara und auch Mauretanien drang in den südlichen Teil ein. Die Polisario, die schon gegen die Spanier gekämpft hatte, wandte sich nun, unterstützt von Algerien, gegen Marokko und Mauretanien. Mit Erfolg: 1979 verzichtete Mauretanien auf die besetzten Gebiete. Marokko konnte die Unabhängigkeitskämpfer jedoch zurückdrängen. Nur ein schmaler Streifen im südlichen Teil der Westsahara blieb unter der Kontrolle der Polisario. Nach langen Jahren des Kampfs kam es unter Vermittlung der Vereinten Nationen 1991 zu einem Waffenstillstand.

Die Waffen schweigen also, aber der Konflikt ist alles andere als gelöst. Mit Erlaubnis der marokkanischen Behörden und unter Duldung der Polisario macht sich eine erste wissenschaftliche Expedition im Oktober 2007 in die vollkommen unerforschte westliche Sahara auf. Die Botaniker und Geoarchäologen der Uni Köln vertrauen sich einer Mannschaft an, die vermutlich aus Mitgliedern der Widerstandsorganisation Polisario besteht.

Die Forscher wollen im unbesetzten Teil bis zur Südgrenze vorstoßen. Sie suchen nach Belegen dafür, dass diese Einöde vor Jahrtausenden grün und besiedelt war, bevor ein dramatischer Klimawandel sie austrocknete. Diese Kenntnisse wären für die Berechnung eines Klimamodells von großem Wert. Dieser Teil der Sahara, 300 Kilometer von der atlantischen Küste Afrikas entfernt, ist fast so unbekannt wie ein ferner Planet. Viele geologische Daten lassen sich durch Satellitenbilder gewinnen, doch Daten über Klimaveränderungen, frühe Besiedlungsspuren und die Höhe des Grundwasserspiegels können nur durch Menschen vor Ort gewonnen werden.

1.300 Kilometer Fahrstrecke südlich des Startpunkts liegt Leshouat, eine Gruppe von Inselbergen aus Granit, das Hauptziel der Reise. Die Einheimischen glauben, dass hier nachts Geister ihr Unwesen treiben. Inselberge haben ihre eigene Fauna und Flora, ja sogar ihr eigenes Mikroklima. Der Botaniker Frank Darius findet eine relativ üppige Vegetation vor, weil sich der wenige Niederschlag zwischen den Bergen besser hält. Die Wissenschaftler hoffen, den Höhlen und Nischen in den Bergen Zeugnisse der Vergangenheit zu entlocken. Der Archäobotaniker entdeckt nach kurzer Suche entsprechende Spuren: Holzkohle und Knochen sind erste Hinweise auf menschliche Besiedlung – vermutlich vor mehr als 6.000 Jahren. Zukünftige Forschung könnte hier einen ganzen Lebensraum rekonstruieren. Aber die Forscher wollen auf den höchsten Monolithen von Leshouat. Der Aufstieg ist beschwerlich, jeder Fehltritt wäre ein Desaster. Die riskante Kletterei wird mit einzigartigen Ausblicken belohnt. Und beim Abstieg mit neuen Funden: Keramik mit Kammstichverzierung erzählt ebenfalls von einem prähistorischen Siedlungsplatz. Ein Eldorado für künftige Archäologen.

Sendung bewerten:
Umschalten!Geht soSehenswertHinguckerTop! (1 votes, Ø: 4,00 von 5)

Loading...


Schüleraustausch Weltweit mit TravelWorks!

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.