Endstation Fortschritt?

Dienstag, 05. Juni 2012

20.15 – 21.45 Arte
Dokumentarfilm, Kanada 2011. Regie: Harold Crooks, Mathieu Roy. Produzent: Martin Scorsese.

Stadtbild von São Paulo. Bild: ARTE F / © 2011 Cinémaginaire/Big Picture Media Corporation/National Film Board of Canada

Welcher Zusammenhang besteht zwischen der internationalen Finanzkrise, den zunehmenden Ungleichheiten zwischen Arm und Reich, den Zukunftstechnologien, der nachhaltigen Entwicklung und dem künftigen Schicksal der Menschheit? Der unter anderem von Martin Scorsese produzierte Dokumentarfilm fragt, wie der Begriff „Fortschritt“ im Lichte der menschlichen Natur und historischer Beispiele neu definiert werden kann. (Bild: ARTE F / © 2011 Cinémaginaire/Big Picture Media Corporation/National Film Board of Canada)

Bedeutet Fortschritt zwangsläufig Verbesserung? Kann der menschliche Verstand die schnellen technologischen Veränderungen der letzten Jahrhunderte überhaupt erfassen? Ist weiteres kontinuierliches Wachstum anzustreben? Oder lauten die Schlagworte für die nächsten Jahrzehnte nicht eher sparen, reduzieren, den Konsum einschränken? Dazu äußern sich in dem Dokumentarfilm von Mathieu Roy und Harold Crooks Wissenschaftler, Philosophen, politische Aktivisten, ehemalige Finanzmanager und international anerkannte Forscher.

Die Autoren berufen sich auf den Bestseller des kanadischen Wissenschaftspublizisten Ronald Wright „Eine kurze Geschichte des Fortschritts“. Wrights zentrale These lautet, die Zivilisationen seien eine nach der anderen in die „Fallen des Fortschritts“ getappt und dabei vernichtet worden. Unter „Fallen“ versteht er den unwiderstehlichen Sog neuer Technologien, die zwar unmittelbare Bedürfnisse befriedigen, aber längerfristig die Zukunft belasten. Mit Blick auf die Erschöpfung der Naturvorkommen, auf Überbevölkerung, Versteppung sowie ökologische und ökonomische Katastrophen stimmen manche Philosophen in Wrights Alarmruf ein, andere vertrauen darauf, dass der Fortschritt die Menschheit nicht nur bedroht, sondern auch eine gegenteilige Rolle als wichtiger Überlebensfaktor spielt. Der Kosmologe Stephen Hawking zieht die Besiedlung anderer Planeten in Erwägung. Der Biologe Craig Venter, dessen Team das menschliche Erbgut entschlüsselt hat, entwirft synthetische Organismen, die – so hofft er – Nahrung und Kraftstoff für alle produzieren können.

Dem hält der Professor für Umweltwissenschaften Vaclav Smil entgegen, dass fünf Milliarden arme Menschen auf der Erde davon träumen, Zugang zum Wohlstand zu bekommen. Sein Fazit: Wenn wir dem Ressourcen- und Energiekonsum der Industrieländer keine Grenzen setzen, steuern wir auf eine Katastrophe zu. Die Primatologin Jane Goodall, die Schriftstellerin Margaret Atwood und Aktivisten aus dem Kongo, aus Kanada und den USA dagegen hoffen auf den menschlichen Erfindungsreichtum und die Entwicklung eines ethischen Bewusstseins.

Zusatzinfo: Mit wunderbaren Bildern und einem sehr gelungenen Soundtrack zeichnen die Filmemacher Mathieu Roy und Harold Crooks die Entwicklung des Homo sapiens vom Höhlenmenschen bis zum Eroberer des Weltraums nach und fragen, ob die Evolution, die den Affen intelligenter machte, die Menschen in eine Sackgasse geführt hat.

Seit Herbst 2011 wurde der Dokumentarfilm, dessen Aufnahmen in Kanada, Brasilien, den USA und im Nahen Osten entstanden, bereits auf zahlreichen Festivals vorgeführt, unter anderem auf dem Toronto International Film Festival, dem Vancouver International Film Festival und dem Festival du nouveau cinéma Montreal. Beim Internationalen Dokumentarfilm-Festival in Amsterdam erhielt er eine Nominierung für den „Best Green Screen Documentary“.

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