Nach dem rückwirkenden Antragsstopp beim Fonds sexueller Missbrauch (FSM) haben fünf Fachorganisationen, die sich für Betroffene sexualisierter Gewalt einsetzen, deutliche Kritik geäußert. Am vergangenen Freitag richteten sie ein gemeinsames Schreiben an den Koalitionsausschuss, in dem sie die Fortführung der Unterstützungsleistungen fordern und eine gesicherte Finanzierung im Bundeshaushalt verlangen. In dem Brief wird betont, dass die Bundesregierung den Betroffenen sowie den Organisationen der Opferhilfe dringend eine verlässliche Perspektive bieten und die zukünftige Ausgestaltung des Ergänzenden Hilfesystems konkretisieren müsse.
Unterzeichner des Schreibens sind der WEISSE RING, die Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung, der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff), die Bundeskoordinierung Spezialisierter Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend (BKSF) sowie die Bundesarbeitsgemeinschaft Feministischer Organisationen gegen Sexuelle Gewalt an Mädchen und Frauen (BAG FORSA).
Bianca Biwer, Bundesgeschäftsführerin des WEISSEN RINGS, erklärte, der Antragsstopp sei ein schmerzhafter Rückschlag für viele Betroffene, die oftmals lebenslang mit den Folgen sexualisierter Gewalt zu kämpfen hätten. Es sei ein fatales Signal, gerade bei den besonders vulnerablen Gruppen zu sparen – und dies auch noch rückwirkend. Aus ihrer Sicht sind die niedrigschwelligen Hilfsangebote, wie sie der FSM ermöglicht, ein zentraler Bestandteil des Hilfesystems und in der Praxis unverzichtbar.
Der FSM ist Bestandteil des Ergänzenden Hilfesystems (EHS) und soll dort einspringen, wo gesetzliche Leistungen nicht ausreichen – etwa wenn Krankenkassen oder soziale Entschädigungsleistungen keine ausreichende Versorgung gewährleisten. Franziska Drohsel von der BKSF betonte, dass viele theoretisch vorgesehene Hilfen in der Realität kaum erreichbar seien und zusätzliche Belastungen mit sich brächten. Daher sei ein dauerhaft gesichertes, niedrigschwelliges und gesetzlich verankertes Unterstützungsangebot wie der FSM dringend notwendig. Laut Bundesfamilienministerium wurden bislang rund 36.000 Anträge gestellt, wovon insgesamt 165,2 Millionen Euro ausgezahlt wurden.
Bereits im März hatten die Organisationen in einer Pressemitteilung darauf hingewiesen, dass der FSM dauerhaft gesichert und strukturell verankert werden müsse. Hintergrund war die Ankündigung im Frühjahr, den Fonds auslaufen zu lassen. Die damalige Bundesregierung verwies auf eine Prüfung des Bundesrechnungshofs, der auf haushaltsrechtliche Bedenken hingewiesen hatte. Die aktuelle Regierung hingegen hatte im Koalitionsvertrag zugesichert, den FSM gemeinsam mit dem Betroffenenrat weiterzuführen. Dennoch wurde kürzlich bekanntgegeben, dass ab dem 19. März 2025 eingehende Erstanträge nicht mehr berücksichtigt werden können – Grund seien unzureichende Mittel im Bundeshaushalt.
Zusatzinformation:
Der WEISSE RING, gegründet 1976 in Mainz, ist Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität. Mit rund 3.000 ehrenamtlich tätigen, professionell geschulten Helferinnen und Helfern in 400 Außenstellen, einem Opfer-Telefon und einer Onlineberatung bietet der Verein bundesweit Unterstützung. Er zählt über 100.000 Förderer, ist in 18 Landesverbänden organisiert und gilt als kompetenter Ansprechpartner für Politik, Justiz und Medien in Fragen der Opferhilfe. Der WEISSE RING finanziert sich ausschließlich über Spenden, Mitgliedsbeiträge, testamentarische Zuwendungen sowie durch Geldbußen von Gerichten und Staatsanwaltschaften – staatliche Mittel erhält er nicht.
Dieser Text basiert auf einer Pressemitteilung von Weisser Ring e.V./ Veröffentlicht am 09.07.2025