Nordkorea für Einsteiger

Freitag, 23. September 2011

20.15 – 21.45 Arte
Fernsehfilm, Frankreich 2011, Regie: Gilles de Maistre, Drehbuch: Christophe Graizon, Musik: Armand Amar

Patrick (Patrick Azam) sucht nach dem Tod seiner Frau Zerstreuung in den fremden Kulturen Asiens. Bild: ARTE F

Eine bunt gemischte französische Touristengruppe trifft sich am Flughafen, um gemeinsam das „Land der Morgenstille“ zu besuchen. Hinter diesem lyrischen Namen verbirgt sich allerdings der totalitäre Staat Nordkorea.

Am Hauptbahnhof von Peking trifft eine bunt gemischte französische Reisegruppe zusammen. Das Ferienziel ist mehr als außergewöhnlich, mit dem Zug geht es weiter nach Nordkorea, ins Land der Morgenstille. Die verträumte und recht naiv wirkende Audrey macht seit langem Reisen in „außergewöhnliche“ Länder, der gutaussehende schwarze Mahman ist aus familiären Gründen dabei. Mit von der Partie sind außerdem das Pärchen Laurent und Aurélie, die die Reise von ihren Pariser Yuppie-Freunden geschenkt bekommen haben, der notorische Globetrotter Patrick, bereits in seinem elften Sabbatjahr auf Asientour und Simone, seit jeher Mitglied der Kommunistischen Partei, die schon mehrfach in Nordkorea war und alles akribisch mit ihrer Kamera festhält und kommentiert. Diese Truppe von Extrem-Touristen, geleitet vom nordkoreanischen Reiseführer Monsieur Jean, macht Sightseeing auf die kommunistische Tour. Sozialistische Arbeiterlieder trällernd, besuchen sie die monumentalen Sehenswürdigkeiten, die großen Statuen, den Triumphbogen, den Staatspalast und vieles mehr. Die omnipräsente Propaganda und der künstlich gewahrte schöne Schein eines funktionierenden kommunistischen Staates vermitteln ihnen den Eindruck, dass die Zeit in Nordkorea schon vor langer Zeit stehen geblieben ist.

Obwohl das Land ganz darauf bedacht ist anti-amerikanisch zu sein, bewegen sich die Franzosen durch Nordkorea eher wie durch ein kommunistisches Disneyland, in dem jeder trotz unmenschlicher Lebensbedingungen zum Lächeln verdammt ist. Nordkorea, seine eigene Parodie, ein Land, das vor die Hunde geht, und die gesamte Bevölkerung huldigt dem verstorbenen Führer Kim Il-Sung, dem Vater der Nation. Langsam, aber sicher wird klar, dass alle Teilnehmer ihre ganz verschiedenen Gründe für diese ungewöhnliche Reise haben. Simone, schon zum sechsten Mal in Nordkorea, plant einen Film, daher die ständige Präsenz ihrer kleinen HD-fähigen Digitalkamera. Mahman sucht die Familie seines nordkoreanischen Adoptivbruders und hat vor, diese mit gefälschten Pässen über die unpassierbare Grenze in den Süden des Landes zu bringen. Patrick sucht nach dem Tod seiner Frau Zerstreuung in den fremden Kulturen Asiens.

Besonders eindrucksvoll sind die Szenen beim Arirang-Fest im 1. Mai Stadion in Pjöngjang. Es wird jährlich zur Feier des Geburtstages von Kim Il-Sung veranstaltet und mit einer großen Eröffnungsfeier im Stadion eingeleitet. 100.000 Personen sind an der monströsen und knallbunten Choreographie beteiligt, ein buntes, militärisch geordnetes Farbenmeer zu Ehren des Kommunismus und zur Verherrlichung von Kim Il-Sung.

Die erschreckende andere Seite dieses Landes vermittelt De Maistre mit Hilfe von Archivmaterial, das Hungersnot und den Terror eines totalitären Systems zeigt. Bleibt der dokumentarische Epilog des Films, der vielleicht der stärkste Moment des gesamten Films ist. Regisseur De Maistre verlässt den Bereich der Fiktion und lässt am Ende verschiedene nordkoreanische Flüchtlinge zu Wort kommen. Sie alle haben es geschafft, das Land zu verlassen und berichten von ihrem Leben unter der Diktatur, dem erlebten Leid und den Beweggründen für ihre Flucht. Das Land der Morgenstille, eines der letzten kommunistischen Regime der Welt, ein Land, das krampfhaft versucht die Gegenwart zu leugnen: „Es gibt dort keine Freiheit. Es ist ein riesiges Gefängnis.“ (O-Ton aus dem Film)

Zusatzinfo:
Gilles de Maistres „Nordkorea für Einsteiger“, ist ein unterhaltsames Roadmovie vor dem monumentalen Dekor omnipräsenter Propaganda und gleichzeitig das engagierte Bild des letzten praktizierten Kommunismus der Welt. Der Produzent, Regisseur und Reporter Gilles de Maistre begann seine Karriere als Journalist und Dokumentarfilmer für das Fernsehen. Autor und Regisseur von mehr als hundert Reportagen und Dokumentarfilmen, drehte er 1994 mit „Killer Kid“ seinen ersten Kinofilm. Der Film thematisiert die Instrumentalisierung von Kindern für terroristische Zwecke.

De Maistres schockierendes Spielfilmdebüt wurde mehrfach preisgekrönt, unter anderem mit dem Publikumspreis bei den Filmfestspielen in Cannes. Nach einer Pause von sieben Jahren, in denen er als Filmproduzent tätig war, kehrte er mit „Féroce“ (2001) zum Kino zurück. Ein Film über die rechtsradikalen Parteien in Frankreich, mit Samy Naceri in der Hauptrolle. „Féroce“ erschien in Frankreich passend zum traumatischen Wahljahr 2002, dem Jahr, als sich die rechtsextreme Front National mit Le Pen als Präsidentschaftskandidat für den zweiten Wahlgang qualifizierte. Der Film, der das Attentat an einem rechtsextremen Parteiführer zum Thema hat, provozierte eine große politische Debatte, Le Pen sah den Film sogar als einen persönlichen Angriff.

Mit seinen folgenden Produktionen kehrt Gilles de Maistre zum Dokumentarfilm zurück. 2005 drehte er für das Fernsehen „L’Hôpital des enfants“, 2007 den Kinodokumentarfilm „Le premier cri“. Der Film, der sich mit dem Wunder der menschlichen Geburt befasst, wurde 2008 für den César nominiert.

Es folgte die ARTE-Koproduktion „Ihre erste Afrika-Story„, eine Liebesgeschichte in der Welt von Auslandkorrespondenten und schließlich 2010 – erneut eine ARTE-Koproduktion -, „Nordkorea für Einsteiger“. Beide Filme sind Hybride, bewegen sich zwischen Spiel- und Dokumentarfilm. Es handelt sich bei beiden Filmen um eine klar fiktionale Story, aber sie spielt in beiden Fällen vor einem realen dokumentarischen Hintergrund.

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